desto weiter erscheint der horizont
Ausstellung im Rahmen der Internationalen Photoszene Köln, 26.8.-9.9.2016
In meinen neuen Arbeiten von 2015/16 greife ich auf elementare Verfahren der Fotografie wie Fotogramme und Lochkamerafotografie zurück. Der Zauber, der diesen künstlerisch traditionsreichen, entschleunigten Techniken zugrunde liegt, wird genutzt um Bildwelten zu schaffen und zu verdichten. Dabei werden dem Faktor Zufall sowie dem Faktor Zeit bei der Belichtung ein hoher Stellenwert beigemessen, denn ebenso wie das Fotogramm, entzieht sich das Lochkamerabild dem kontrollierenden Blick durch eine Linse und dem Festhalten eines Bildausschnitts in Sekundenbruchteilen.
Experimentierfreudigkeit sowie Erfahrung und der Zugriff auf einen großen Fundus von Materialien bestimmen bei der Umsetzung meiner Tageslichtfotogramme den Grat zwischen Abbildhaftigkeit und Möglichkeiten des gestalterischen Eingreifens in den stundenlangen Belichtungsprozess. In der weiteren Bildgenerierung wird analoge Dunkelkammertechnik, unter Nichteinhaltung des üblichen Ablaufs (die Bilder werden zum Teil nur mit Fixierer festgehalten), mit digitalen Möglichkeiten weiter formal umgesetzt.
Die im Kontakt entstandenen und so von Licht und Schatten gezeichneten, einer schöpferischen Interpretation angepassten Fotogramme, muten mit ihrer bizarren Farbigkeit und Transparenz poetisch und imaginär an. Silhouetten und Spuren von vegetabilen Formen, in ihrer Bestandsaufnahme teilweise einem Herbarium gleich, materialisieren sich durch Licht auf dem Papier und betonen ihre archaische Schönheit und Einzigartigkeit.
Zellenartige Licht- und Schattengefüge, enthoben ihren visuellen Oberflächenreizen und einer perspektivischen Darstellung, werden zu einem abstrakten Formen- und Flächenspiel. Diffus und konkret zugleich erscheinen die auratischen Nachbilder. Formengebilde aus einer Welt der Erscheinungen irritieren die Vorstellung des Sichtbaren, offenbaren eine geheimnisvolle, alchimistische Atmosphäre und schließen neue, assoziative Räume auf.
Durch lange Belichtungszeiten mit der Lochkamera wird Bewegung Stille. Die Farbflächen und aufgelösten Strukturen werden zu Abbildern eines Durchschreitens von Zeit. Der verlangsamte Blick konzentriert sich auf das künstlerische Traditionsthema „Meer“ und wird am Horizont, wo die Elemente zusammentreffen wie durch ein Fernrohr fokussiert.
Mit den Urformen der Bildaufzeichnung und den digitalen Mitteln des 21. Jahrhunderts, der Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart, wird fotografisches Verfahren selbst zum Bildinhalt gemacht. Lichtbildnerische Prozesse werden ins Bewusstsein gerückt und experimentell erkundet. Der heutigen, allgegenwärtigen fotografischen Bilderzeugung wird der bewusste Vorgang des Bildermachens mit dem Ausloten seiner Möglichkeiten entgegengesetzt. Neben dieser materiell-sensuellen Ebene werden die gestalterische Interpretation und Rezeption von fotografischen Abbildern thematisiert.
Barbara Haiduck, Juli 2016
Kurzbiografie
1961 in Wilhelmshaven geboren
1983 Studium der Künstlerischen Fotografie an der GH Kassel bei Prof. Floris M. Neusüss
1986 Fortsetzung des Studiums an der FH Köln bei Prof. Arno Jansen
1988 Arbeitsstipendium des DFJW
1989 Abschluss des Studiums mit Diplom und Ernennung zur Meisterschülerin von Prof. Arno Jansen
Ausstellungen
1987 Kunsthalle Wilhelmshaven
1988 Internationale Photoszene Köln
1989 Rencontres Internationales de la Photographie d’ Arles, F
1990 Internationale Photoszene Köln
Museum für Photographie, Braunschweig (E)
Galerie Artists Unlimited, Bielefeld (E)
1991 KölnKunst 3, Köln
1994 Bundesverband Bildender Künstler, Köln
Internationale Photoszene Köln (E)
1995 KölnKunst 4, Köln
Bunker Ulmenwall, Bielefeld (E)
1998 KölnKunst 5, Köln
2009 Bilderbuchmuseum Troisdorf
2010 Internationale Photoszene Köln (E)
2012 Halle Zollstock, Köln (E)
Internationale Photoszene Köln
2013 Kunst- und Museumsbibliothek der Stadt Köln
Kunstverein 68 elf e.V. / Odonien, Köln
Galerie eyegenart, Fritz Böhme, Köln
2014 Skulpturenausstellung, Schlosspark Stammheim, Köln
Galerie Altes Rathaus, Fürstenwalde
2015 Lessenich-privART, Skulpturenausstellung, Lessenich, Eifel
2016 Kunsthalle Wilhelmshaven
Halle Altes Rathaus, Schweinfurt
Weitere Informationen: www.barbara-haiduck.de
„the further the horizon appears“
Exhibition in the context of the International Photoscene Cologne, 26.8.-9.9.2016.
In my new works from 2015/16, I draw on elementary processes of photography such as photograms and pinhole camera photography. The magic underlying these artistically traditional, decelerated techniques is used to create and condense pictorial worlds. In the process, great importance is attached to the factor of chance as well as to the factor of time during exposure, because just like the photogram, the pinhole camera image eludes the controlling gaze through a lens and the capturing of a section of the image in fractions of a second.
Experimentation as well as experience and the access to a large pool of materials determine in the realization of my daylight photograms the line between image-likeness and possibilities of creative intervention in the hour-long exposure process. In the further image generation analog darkroom technique, under non-observance of the usual procedure (the pictures are partly held only with fixer), is further formally implemented with digital possibilities.
The photograms created in contact and thus drawn by light and shadow, adapted to a creative interpretation, seem poetic and imaginary with their bizarre colorfulness and transparency. Silhouettes and traces of vegetal forms, in their inventory partly resembling a herbarium, materialize on the paper through light and emphasize their archaic beauty and uniqueness.
Cell-like structures of light and shadow, stripped of their visual surface stimuli and a perspective representation, become an abstract play of forms and surfaces. Diffuse and concrete at the same time, the auratic afterimages appear. Formations from a world of appearances irritate the notion of the visible, reveal a mysterious, alchemical atmosphere and open up new, associative spaces.
Through long exposure times with the pinhole camera, movement becomes stillness. The color surfaces and dissolved structures become images of a passage through time. The slowed-down gaze concentrates on the traditional artistic theme of the „sea“ and is focused on the horizon, where the elements meet, as if through a telescope.
With the primitive forms of image recording and the digital means of the 21st century, the connection between past and present, photographic processes are themselves made into image content. Light-imaging processes are brought into consciousness and explored experimentally. Today’s ubiquitous photographic image production is countered by the conscious process of image making with the exploration of its possibilities. In addition to this material-sensual level, the creative interpretation and reception of photographic images are addressed.
Barbara Haiduck, July 2016